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9/11 – Gedanken eines „Septembristen“



Ich bezeichne mich gerne als „Septembrist“, da ich nach den Anschlägen des 11. September 2001 einer der ersten war, der zur Verstärkung der transnationalen Terrorismusbearbeitung quasi über Nacht versetzt wurde. Ich hatte zuvor am Rande auch regionale Terroraspekte in Nah-/Mittelost analysiert und schien daher für die neue Aufgabe irgendwie prädestiniert.

Ich erinnere mich noch genau, dass in den ersten spekulativen Live-Kommentaren vor dem Hintergrund einstürzender Twin Towers zunächst Palästinenserorganisationen in Verbindung mit den Anschlägen gebracht wurden, was ich damals spontan für absurd gehalten hatte. Die Öffentlichkeit und zu einem gewissen Grad auch die Sicherheitsbehörden konnten sich nur schwer von den Terrorismus-Perzeptionen der letzten Jahrzehnte des alten Jahrtausends lösen. Dabei hatte der Bundesnachrichtendienst schon im Jahr 2000 auf die neuartige Bedrohung durch Jihadisten und Afghanistanveteranen in Europa mit organisatorischen Änderungen reagiert. Im September 2001 war dieser Prozess allerdings noch lange nicht abgeschlossen.

Usama Bin Laden und seine Anhänger waren bereits in den 1990er Jahren ein Thema im BND – auch, als sie noch im sudanesischen Exil ausharrten und terroristische Strukturen u.a. in Ostafrika aufbauten. Ein späterer Vorgesetzter erzählte mir, dass er just zu dem Zeitpunkt, als die ersten Bilder aus New York übertragen wurden, beim damaligen Präsidenten Hanning im Büro saß und dort zu al-Qaida briefte.

Ex post ist man stets klüger; das gilt auch für mich. Ich muss gestehen, dass ich vor 9/11 das Phänomen al-Qaida unterschätzt hatte und zu denjenigen gehörte, die Berichte für übertrieben hielten, die Bin Laden die Rolle einer Spinne im Terrornetz zuwiesen. Aber selbst die größten Warner hatten 9/11 nicht für möglich gehalten und auch nicht die notwendigen Anhaltspunkte dafür vorweisen können. Selbstkritisch frage ich mich noch heute, wenn ich wieder einen wenig glaubhaften nachrichtendienstlichen Hinweis auf einen abenteuerlichen Terrorplot lese, wie ich damals entschieden hätte. Was hätte ich gemacht, wenn ein Selbstanbieter oder eine Quelle mir im August 2001 gesagt hätte, dass eine Gruppe von 20 Personen gleichzeitig vier Flugzeuge in den USA entführen wollte, um sich mit diesen auf die beiden Türme des World Trade Centers, das Pentagon und das Kapitol zu stürzen? Noch heute ist es für mich unfassbar, dass der Plan trotz langer Vorbereitung, trotz langwierigem Flugunterricht und zahlreicher Mitwisser, trotz Festnahme eines unmittelbar Beteiligten im Vorfeld größtenteils umgesetzt werden konnte. Mich bewegt immer wieder die Frage: Befindet sich unter den zahlreichen nachrichtendienstlichen Hinweisen, die über meinen Schreibtisch wandern und zwangsläufig priorisiert und aussortiert werden müssen, nicht vielleicht der entscheidende Fingerzeig auf ein zweites 9/11? Insofern bleibe ich für immer ein von 9/11 geprägter „Septembrist“.

9/11 ist für mich daher, global betrachtet, in seiner Einzigartigkeit nicht nur eine Zäsur, sondern auch Mahnung sowohl für die Arbeit der Sicherheitsbehörden als auch dafür, welche nachhaltigen Konsequenzen für alle gesellschaftlichen Bereiche aus einem solchen Ereignis weltweit erwachsen können.


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